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Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation

– ELO TOP3: Aufbau resilienter Ernährungssysteme für Inselstaaten

Inhaltswarnung

Dieser Gremientext benennt unter anderem die Themen Mangelernährung, Auswirkungen des Klimawandels und Beschreibung von Körpern. Bei manchen Personen lösen diese Themen starke Emotionen aus. Falls Sie zu den betroffenen Personen gehören, entscheiden Sie bitte selbst, ob Sie gerade in der Lage sind, sich mit dem Thema / diesen Themen zu beschäftigen, ob Sie das lieber zu einem späteren Zeitpunkt tun oder vorher bestimmte Maßnahmen ergreifen wollen.

Zusammenfassung

Die besonderen geographischen Begebenheiten von kleinen Inselstaaten unter den Entwicklungsländern (kurz SIDS) machen die Ernährungssicherung, also die Sicherstellung, dass alle Menschen ganzjährig Zugang zu sicheren, nährstoffreichen und ausreichenden Nahrungsmitteln haben, zu einer besonderen Herausforderung in diesen Staaten. Ihre Betroffenheit durch den Klimawandel, eine starke Abhängigkeit von ausländischen Nahrungsmittelimporten und damit zusammenhängende Mangelernährung belasten die Staatskassen und verhindern eine langfristig nachhaltige Entwicklung. 

Besonders problematisch ist der Mangel an umfassenden wissenschaftlichen Daten, um fundierte politische Entscheidungen sektorenübergreifend treffen zu können und das Fehlen finanzieller Mittel, um nötige Investitionen zu tätigen.

Punkte zur Diskussion

1. Wie kann dafür gesorgt werden, dass SIDS jederzeit umfassenden Zugang zu aktuellen wissenschaftlichen, sie betreffenden Daten haben, um sektorenübergreifende, fundierte Entscheidungen zur nachhaltigen Sicherung ihrer Ernährung treffen zu können? 

2. Wie kann dafür gesorgt werden, dass gesunde, preiswerte Ernährung jederzeit für alle Bewohner von SIDS zugänglich ist? Und wie können damit zusammenhängend SIDS die Konsequenzen und Ursachen von Mangelernährung in der Bevölkerung bekämpfen?

3. Wie kann die Abhängigkeit der SIDS von Nahrungsmittelimporten reduziert werden?

4. Wie können Bedingungen geschaffen werden, damit SIDS die nötigen finanziellen Mittel für eine nachhaltige Entwicklung und eine dauerhafte, unabhängige Sicherung ihrer Ernährung erhalten können? 

Einleitung 

Ein zentrales Konzept für die globale Entwicklung sind die Ziele für Nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs). Die 17 SDGs richten sich an alle: die Regierungen weltweit, aber auch die Zivilgesellschaft, die Privatwirtschaft und die Wissenschaft. Die Agenda ist ein Fahrplan für die Zukunft, mit dem weltweit ein menschenwürdiges Leben ermöglicht und dabei gleichsam die natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft bewahrt werden.

Mit dem SDG Nr. 2: “Kein Hunger” wollen die Vereinten Nationen bis 2030 Ernährungssicherheit für alle Menschen erreichen, dass alle Menschen “ganzjährig Zugang zu sicheren, nährstoffreichen und ausreichenden Nahrungsmitteln haben”. Kleine Inselstaaten unter den Entwicklungsländern stehen aufgrund ihrer besonderen geographischen Lage bezüglich dieses Ziels besonderen Herausforderungen gegenüber.

Hintergrund und Grundsätzliches

Kleine Inselstaaten

Kleine Inselstaaten unter den Entwicklungsländern, kurz SIDS (engl. Small Island Developing States) sind eine Gruppe von etwa 1000 Inseln mit insgesamt circa 65 Millionen Einwohner*innen, die sich in der Karibik, dem Pazifik, dem Atlantischen Ozean und dem Indischen und Südchinesischen Meer befinden. SIDS unterscheiden sich von anderen Inseln unter anderem dadurch, dass sie eigenständige Staaten sind und nicht zu einem größeren Staat auf dem Festland gehören. Somit können sie auch nicht von den Ressourcen eines solchen Festlandstaats profitieren.

Karte der weltweit als SIDS eingestuften Staaten | Quelle: Wikimedia Commons, Osiris

 Vulnerable Staaten

SIDS zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie abgeschieden von globalen Märkten liegen, nur kleine Bevölkerungszahlen und Territorien haben und stark von nur wenigen Wirtschaftssektoren (oftmals dem Tourismus) abhängig sind. Diese Faktoren machen SIDS zu besonders vulnerablen Staaten. Das bedeutet, dass es physische, soziale und ökonomische Faktoren gibt, die die Auswirkungen von Naturkatastrophen, Pandemien oder auch von Preisschwankungen auf internationalen Märkten vor Ort verstärken.

Mitunter sind SIDS zum Beispiel im Gegensatz zu anderen Ländern überproportional vom Klimawandel betroffen. Nicht nur, dass Naturkatastrophen wie Hurrikane oder Überschwemmungen hier häufiger auftreten, meistens sind die Konsequenzen auch deutlich stärker zu spüren. Im Fall einer Katastrophe ist häufig das gesamte Staatsgebiet betroffen und Menschen können schlecht an einen anderen Ort flüchten. Auch sind SIDS stärker von sogenannten Slow Onset Events wie dem Anstieg des Meeresspiegels und dem Verlust an Biodiversität betroffen. Die Folgen des Klimawandels kosten die kleinen Inselstaaten jährlich bis zu 2,1 % ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die daraus resultierende Verschuldung macht SIDS zu den mit am höchsten verschuldeten Staaten weltweit.

Ernährung und Landwirtschaft in SIDS

Da das Territorium der SIDS meistens primär aus See besteht - im Durchschnitt sogar dem 28-fachen ihrer Landmasse- stellt das Meer die primäre natürliche Ressourcenquelle dar. Der Pro-Kopf-Export der SIDS an Ozeanexporten liegt fast zehn Mal so hoch wie der weltweite Durchschnitt. Mit dem Beginn der Globalisierung und mit zunehmend einfacherem Zugang zum Weltmarkt entwickelten sich jedoch importierte Waren für die Inselbewohner*innen zunehmend zum Symbol von Weltoffenheit und Modernität, während die traditionellen Landwirtschafts- und Fischereiberufe im öffentlichen Bewusstsein abgewertet wurden. 

Landwirtschaft in SIDS wird aktuell nur in kleinem Ausmaß betrieben. Es fehlt an Investitionen in neue Technologien für effizientere Anbausysteme. Die lokale Landwirtschaft ist deshalb im Gegensatz zu importierten Waren teuer und kann nicht mit dem internationalen Markt konkurrieren, sodass in manchen Staaten bis zu 90% der konsumierten Lebensmittel importiert werden. Dieser Vorgang macht die SIDS stark abhängig vom Weltmarkt und den internationalen Preisschwankungen. 

Lebensmittellieferung an die Bahamas | Quelle: UN Photo/OCHA/Mark Garten

Gleichzeitig sind importierte Nahrungsmittel häufig stark zucker- und fetthaltig, sodass SIDS heute eine  starke Zunahme von Krankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen verzeichnen. In Samoa beispielsweise gilt rund jede*r zweite Erwachsene als übergewichtig und rund 23 Prozent der Bevölkerung leiden an einer Diabeteserkrankung. Vor allem einkommensschwache Menschen, die sich nur importierte Ware leisten können, sind besonders betroffen. 

Von Rio bis SAMOA

Mit dem wachsenden weltweiten Bewusstsein in Bezug auf die Klimakrise geraten auch die SIDS als am meisten bedrohte Regionen mehr in den Fokus der Weltgemeinschaft. Auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 wurde ihre besondere Vulnerabilität das erste Mal offiziell anerkannt. Auf der Konferenz in Barbados 1992 wurde mit dem Barbados Programme of Action ein Strategieplan für die nachhaltige Entwicklung der SIDS entworfen. Hier werden 14 besondere Prioritäten und Handlungsfelder, wie der Klimawandel und der Anstieg des Meeresspiegels, für SIDS identifiziert, welche auf der Nachfolgekonferenz in Mauritius 2005 erweitert wurden. 

Jährliches Treffen von SIDS-Repräsentant*innen, hier mit UN-GS Guterres | Quelle: UN Photo/Mark Garten

Als Ergebnis der 3. Internationalen Konferenz über Kleine Inselstaaten unter den Entwicklungsländern trat von 2014 bis 2024 der Aktionsplan “SAMOA Pathway,“ (von engl. “Small Island Developing States Accelerated Modalities of Action”) in Kraft. Wie das Barbados Programme of Action sollte auch mit dem SAMOA Pathway die nachhaltige Entwicklung der SIDS gefördert werden. Dabei wurde erstmals dem Thema Ernährungssicherheit ein eigenes Kapitel eingeräumt. Die internationale Gemeinschaft bekennt sich darin unter anderem dazu, 

a.) nachhaltige und resiliente Praktiken in der Landwirtschaft und Fischerei in SIDS zu fördern,
b.) sich für offene und effiziente (internationale) Märkte und internationale Zusammenarbeit für Zugang zu globalen Nahrungsmittelmärkten einzusetzen
c.) ländliche Arbeitsplätze und Löhne zu fördern und
d.) Mangelernährung in allen Formen zu beenden.

Pressekonferenz zum SAMOA Pathway | Quelle: UN Photo/Manuel Elías

2024 endete die offizielle Umsetzung des SAMOA Pathways. Im selben Jahr wurde auf der 4. Internationalen Konferenz über Kleine Inselstaaten unter den Entwicklungsländern der Nachfolgeplan des SAMOA Pathways für die nächsten 10 Jahre bestimmt: Die “Antigua und Barbuda Agenda für SIDS” (ABAS). Die Agenda thematisiert von Ernährungssicherheit über Klimawandel bis zur Importabhängigkeit der SIDS die großen Herausforderungen der Inselstaaten. Um ein besseres Monitoring der Umsetzung der Agenda im Gegensatz zum SAMOA Pathway zu ermöglichen, wird hier explizit die Einrichtung eines festgelegten Monitoring-Mechanismus gefordert.

Internationale Gewässer: beinhalten sowohl die Ausschließliche Wirtschaftszone als auch die Hohe See.

Die in der Abbildung dargestellten seerechtlichen Zonen sind im SRÜ festgelegt und sind vor allem dafür da, wirtschaftliche Rechte der Staaten zu regeln. Viel wichtiger für die Seenotrettung sind die SAR-Zonen. Im Rahmen der IMO wurden alle territorialen und internationalen Gewässer aufgeteilt und die Zuständigkeit für diese Zonen festgelegt. Der jeweils zuständige Küstenstaat ist sowohl für die Koordination der Seenotrettung als auch für die Zuweisung eines sicheren Ortes für die Überlebenden verantwortlich. Dazu muss der Küstenstaat eine Rettungsleitstelle (Rescue Coordination Centre, RCC) einrichten, die in der Lage ist, auf Notfälle zu reagieren und die Rettungsmaßnahmen zu koordinieren. Diese Rettungsleitstelle muss mit geeigneten Mitteln zur Kommunikation, insbesondere zum Empfang von Notrufen, ausgestattet sein. Des Weiteren sollte sie rund um die Uhr erreichbar und mit Englisch sprechendem Personal besetzt sein.  Die Staaten sind allerdings nicht verpflichtet, nach Personen in Seenot Ausschau zu halten, wenn kein Notruf abgesetzt wurde. Doch für einen Notruf auf der hohen See benötigt man meist Funkgeräte oder Satellitentelefone, über welche die Boote mit Migrant*innen selten verfügen.


Probleme und Lösungsansätze 

Fehlende Finanzierung

In SIDS fehlt es häufig an Geldmitteln, um die genannten Probleme von Mangelernährung, der starken Abhängigkeit von importierten Nahrungsmitteln und der Gefährdung durch Klimakatastrophen zu adressieren und zu bekämpfen. Meist ist es jedoch schwierig für SIDS, genau solche zu erhalten: Nach klassischen, BIP-orientierten Kriterien von Finanzinstitutionen werden SIDS häufig als Länder mittleren Einkommens eingestuft. Folglich ist es schwierig für sie, Schuldenerlasse zu erreichen oder Kredite zu beantragen, ihre erhöhte Vulnerabilität wird dabei nicht miteinbezogen. 

So kann ein Land zwar große Einnahmen aus der Tourismusbranche erzielen, diese können aber durch eine einzige Naturkatastrophe einbrechen. Gleichzeitig sind die SIDS genau wegen dieser Vulnerabilität risikoreich für Privatinvestoren. Eine mögliche Lösung ist die Einführung eines sog. Vulnerabilitätsindex, um die Vulnerabilität des Staates und nicht nur das Bruttoinlandsprodukt als Maßstab für z.B. Kreditwürdigkeit heranzuziehen. 

Mangelhafte Datenlage

Um nachhaltig die Ernährungssicherheit in SIDS sicherzustellen, müssen Entscheidungsträger in der Lage sein, datenbasierte, vorausschauende Entscheidungen über verschiedene Sektoren des öffentlichen Lebens hinweg zu treffen. Dabei geht es zum Beispiel um Wetterbedingungen, Anbau- und Lagerkapazitäten: Wie lange kann mein Staat im Falle eines Ausfalls an Nahrungsmittelimporten durchhalten? Wie stark sind bisherige nationale Produktionsstätten an ihren Standorten von Naturkatastrophen betroffen? 

SIDS zeichnen sich im weltweiten Vergleich durch eine sehr schlechte Dateninfrastruktur aus, die Qualität der vorliegenden Daten ist schlecht und über viele verschiedene Quellen verstreut, es fehlen die Absprache zwischen Ministerien und zugehörigen Sektoren, die entsprechenden Technologien und digitalen Kompetenzen. So müssen Entscheidungen häufig ohne eine fundierte Datenlage und den entsprechenden Blick auf andere betroffene Sektoren des öffentlichen Lebens getroffen werden. 

Mögliche Lösungen beinhalten zum Beispiel die Förderung digitaler Kompetenzen, die Einrichtung von Komitees zur übergreifenden ministerialen Zusammenarbeit, die Eingliederung von ABAS und anderer wichtiger internationaler Aktionspläne in die Agenda des eigenen Staates, weitreichende Investitionen in digitale Technologien und verstärkte Kooperationen zwischen den einzelnen SIDS. 


Hinweise zur Recherche

SAls ersten Anlaufpunkt bieten sich die unten aufgelisteten empfohlenen Quellen an, um neben dem Gremientext noch weitere allgemeine Informationen zum Thema zu bekommen. Dann sind vor allem UN-Websites wie das “Office of the High Representative for the Least Developed Countries, Landlocked Developing Countries and Small Island Developing States”, das UN-Environment Programme und die Website der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN, sowie die offizielle Internetseite des eigenen Landes zu empfehlen. 

Leider sind die meisten dieser Ressourcen oft nicht auf Deutsch verfügbar. Hier kann es sich aber lohnen, einen Übersetzer zu verwenden (z.B. DeepL) und mit den eigenen Englischkenntnissen das Übersetzte zu überprüfen. Ansonsten gibt es für Resolutionen u.ä. den Deutschen Übersetzungsdienst der Vereinten Nationen. Für lange, offizielle UN-Dokumente, die vielleicht nicht nur das Thema von Interesse behandeln, lohnt sich auch immer eine Stichwortsuche über die Tastenkombination STRG F. Anstatt direkte inhaltliche Fragen an ChatGPT zu stellen, ist es auch oft hilfreicher, sich mögliche Quellenvorschläge zu einem Thema liefern zu lassen. 


Glossar/Lexikon

Bruttoinlandsprodukt (kurz: BIP): Indikator dafür, wie viel in einem Land in einem bestimmten Zeitraum wirtschaftlich geleistet wurde. Es umfasst die gesamten Waren und Dienstleistungen, die in einem Zeitraum in einem Land hergestellt/zur Verfügung gestellt wurden. 

Import/Export: wenn Waren aus dem Ausland ins eigene Land eingeführt werden (Import) und der umgekehrte Fall, wenn Waren ins Ausland gebracht werden (Export).

Mangelernährung: Eine Form der Ernährung, bei der die betroffene Person zu viel, zu wenig oder sehr ungleich Nährstoffe zu sich nimmt. Folgen können zum Beispiel Über- oder Untergewicht sein.

Ozeanexporte: Ein Fachbegriff für eine besondere Art von Exporten, die alle Waren und Dienstleistungen umfasst, die aus den Ozeanen gewonnen werden können. Also zum Beispiel Nahrungsmittel wie Fisch, aber auch die Schifffahrt oder auch die Bereitstellung von Häfen. 

Resilient: in der Lage zu sein, sich von negativen Einflüssen wieder zu erholen oder diesen lange standzuhalten.

Slow Onset Event: Katastrophe, die sich über einen längeren Zeitraum entwickelt, wie zum Beispiel das Schmelzen der Gletscher, Wüstenbildung, der Anstieg des Meeresspiegels oder der Verlust an Biodiversität.

Vulnerabel/Vulnerabilität: Ein anderes Wort für empfindlich/verletzlich/anfällig.

Quellen

Empfehlenswerte Quellen

Sonstige Quellen