– FfS TOP2: Medizinische Nutzung von psychedelischen Substanzen
Inhaltswarnung
Dieser Gremientext benennt unter anderem die Themen Drogen, Drogenkonsum und -missbrauch, psychische Erkrankungen . Bei manchen Personen löst dieses Thema starke Emotionen aus. Falls Sie zu den betroffenen Personen gehören, entscheiden Sie bitte selbst, ob Sie gerade in der Lage sind, sich mit dem Thema / diesen Themen zu beschäftigen, ob Sie das lieber zu einem späteren Zeitpunkt tun oder vorher bestimmte Maßnahmen ergreifen wollen.
Wenn Sie oder Personen in Ihrem Umfeld aufgrund von Drogenkonsum Hilfe benötigen, finden Sie verschiedene Hilfsangebote auf der Website des Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen: https://www.bundesdrogenbeauftragter.de/service/beratungsangebote/ .
Zusammenfassung
Die Welt steht inmitten einer sogenannten Psychedelika-Renaissance: Substanzen wie Psilocybin (der Wirkstoff in Magic Mushrooms) und MDMA zeigen prominent und vielversprechend, aber noch nicht endgültig etablierte therapeutische Effekte bei weit verbreiteten und schwer behandelbaren psychischen Störungen, darunter therapieresistente Depressionen, Angststörungen und Posttraumatische Belastungsstörungen. Wissenschaftliche Studien belegen eine erhöhte Neuroplastizität im Gehirn, die festgefahrene negative Denkmuster aufbrechen kann. Dieser medizinische Fortschritt wird jedoch durch das strenge internationale Drogenkontrollsystem blockiert: Internationale Abkommen stufen diese Substanzen als besonders gefährlich und „ohne medizinischen Nutzen“ in der höchsten Kontrollgruppe (Anlage I) ein.

Einzelne Staaten (z. B. Australien, USA) und die Europäische Union (EU) reagieren mit vorsichtigen Legalisierungen für Therapiezwecke oder mit massiven Forschungsprogrammen (Horizon Europe). Die UN steht vor der dringenden Notwendigkeit, einen globalen Weg zu finden, der die wissenschaftliche Forschung und den Gerechten Zugang zu lebensrettenden Therapien ermöglicht. Gleichzeitig muss verhindert werden, dass die globale Drogenkontrolle untergraben, eine Zwei-Klassen-Medizin geschaffen, die Kommerzialisierung und Biopiraterie gefördert oder eine Zulassung ohne ausreichende Langzeitdaten erteilt wird.
Punkte zur Diskussion
2. Welche Langzeitstudien sind notwendig, um das psychische Abhängigkeitspotential und die Spätfolgen von Psychedelika endgültig zu bewerten, bevor eine globale medizinische Zulassung befürwortet werden kann?
3. Wie lässt sich ein gerechter Zugang zu Psychedelika-unterstützter Psychotherapie gewährleisten, um die Entstehung einer Zwei-Klassen-Medizin zu verhindern, in der die teure Behandlung nur Wohlhabenden offensteht?
4. Welche Schritte muss ein zuständiges UN-Gremium ergreifen, um die Biopiraterie zu unterbinden und die Rechte indigener Bevölkerungen an traditionellem Wissen und Substanzen zu schützen?
5. Welche Rolle sollten UN-Organisationen bei der Neubewertung psychedelischer Substanzen spielen und welche konkreten Mindeststandards müssen international festgelegt werden?
6. Wie können die UN und ihre Mitgliedstaaten Aufklärungskampagnen zur Risikominderung fördern, um die Öffentlichkeit über die Unterschiede zwischen kontrollierter Therapie und illegalem Konsum zu informieren?
Einleitung
Wir befinden uns inmitten einer globalen psychischen Gesundheitskrise und diese erfordert dringend neue Lösungsansätze. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit über 300 Millionen Menschen an Depressionen, wobei ein signifikanter Teil (schätzungsweise 15 bis 30 Prozent) davon als therapieresistent gilt, was bedeutet, dass Standardmedikamente und Psychotherapie versagen. In diesem Kontext haben aktuelle klinische Studien Psychedelika als möglichen Wegbereiter für neue Therapieansätze in der Psychiatrie identifiziert. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine sorgfältig kontrollierte Psilocybin- oder MDMA-assistierte Psychotherapie bei Patient*innen mit chronischen Störungen (der Fachbegriff für das, was im physischen Kontext als Krankheit bezeichnet wird) schnelle, tiefgreifende und lang anhaltende Verbesserungen bewirken kann, die weit über bisherige Ansätze hinausgehen.
Dieses medizinische Potenzial steht in direktem Konflikt mit der jahrzehntelangen internationalen Drogenpolitik. Die Klassifizierung dieser Substanzen als Anlage I gemäß den UN-Drogenkonventionen – der Kategorie für Substanzen ohne anerkannten medizinischen Wert – stellt ein massives rechtliches Hindernis für die Forschung, die Entwicklung von Therapien und den gerechten Zugang zu Heilung dar. Die Vereinten Nationen müssen diesen Konflikt im Rahmen ihrer Verantwortung für die globale Gesundheit und Entwicklung dringend adressieren.

Hintergrund und Grundsätzliches
Was sind Psychedelika?
Psychedelika sind bewusstseinsverändernde Substanzen (Halluzinogene), die primär das Serotoninsystem im Gehirn beeinflussen. Dazu gehören Psilocybin, LSD und MDMA. Sie funktionieren nicht wie herkömmliche Psychopharmaka, die täglich eingenommen werden; vielmehr lösen sie in einem einzigen, überwachten therapeutischen Rahmen tiefgreifende psychologische Erfahrungen aus. Wissenschaftler*innen führen die therapeutische Wirkung auf die kurzzeitige Erhöhung der Neuroplastizität zurück, welche die Vernetzung neuer Gedankenstrukturen im Gehirn erleichtert und traumatische Muster aufbrechen kann.
Die Geschichte ihrer Nutzung ist komplex: Indigene Kulturen nutzen pflanzliche Psychedelika wie Ayahuasca oder bestimmte Pilzarten seit Jahrhunderten für spirituelle und heilende Zwecke. In den 1950er- und 60er-Jahren erlebte die westliche Medizin einen ersten Forschungsboom, der jedoch abrupt endete, als die Substanzen Teil der Jugend- und Gegenkultur wurden. Aus Sorge vor unkontrolliertem Missbrauch und ihren gesellschaftlichen Folgen beschlossen die UN-Mitgliedstaaten die UN-Drogenkonventionen von 1961 und 1971. Diese Abkommen klassifizierten die meisten Psychedelika und Halluzinogene in die Anlage I, was den internationalen Handel, den Besitz und die Forschung massiv einschränkte.
Risiken bei der medizinischen Forschung
Die Gegenpositionen in der heutigen Debatte sind klar: Befürworter*innen heben die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit bei therapieresistenten Krankheiten hervor und argumentieren, dass die Einstufung von 1971 überholt und medizinisch falsch ist. Kritiker*innen und konservative Kräfte warnen jedoch vor den Risiken wie Psychosen, bleibenden Angstzuständen und der Gefahr einer Verharmlosung und Freigabe für den Freizeitkonsum von Substanzen, die strengster Kontrolle bedürfen. Obwohl Psychedelika (wie Psilocybin, LSD und MDMA) ein geringes physisches Abhängigkeitspotenzial aufweisen, betonen Kritiker*innen die Gefahr der psychischen Gewöhnung sowie des unkontrollierten Missbrauchs durch Privatpersonen, welcher zu schwerwiegenden psychischen Krisen führen kann.

Sie betonen, dass eine Änderung der Konventionen das gesamte globale Drogenkontrollsystem gefährden könnte, indem die internationalen Kontrollmechanismen untergraben
werden und ein unerwünschtes Signal zur Liberalisierung in Ländern mit fragilen Regulierungssystemen gesendet wird.
Aktuelles
Nationale Sonderregelungen
Weltweit beobachten wir eine wachsende nationale Abweichung vom strengen UND-Kontrollregime. Australien hat 2023 einen historischen Schritt vollzogen und Psilocybin sowie MDMA für Ärzt*innen unter bestimmten strengen Auflagen als zugelassene Medizin freigegeben.
In den USA schaffen einzelne Bundesstaaten (d. h. Gliedstaaten der USA, die eigene Gesetze erlassen können) einen regulatorischen Flickenteppich: Der Bundesstaat Oregon hat beispielsweise kontrollierte Therapiezentren für Psilocybin etabliert, während Colorado die psychoaktiven Pilze für Erwachsene entkriminalisiert hat und einen Rahmen für den nicht-kommerziellen Austausch schafft. Diese nationalen Entwicklungen unterlaufen die weiterhin streng geltenden Bundesgesetze der USA, was für alle Beteiligten erhebliche Rechtsunsicherheit bedeutet.
Auch in anderen Regionen gibt es neue Entwicklungen: Die Schweiz erteilt seit Längerem eng gefasste Ausnahmen für Psilocybin-Therapien und Kanada verfolgt ebenfalls einen Ansatz des Erweiterten Patientenzugangs, der Patient*innen in Notfällen Zugang gewährt. Jüngst hat sogar die EU über ihr Horizon Europe-Programm 6,5 Millionen Euro für die Erforschung psychedelischer Therapien bei behandlungsresistenten psychischen Störungen bereitgestellt, was die Akzeptanz auf regionaler Ebene unterstreicht.
Schwierigkeiten des globalen Südens
Die Situation im globalen Süden ist komplexer. Länder wie Brasilien und Mexiko erkennen zwar das traditionelle und schamanische Wissen indigener Bevölkerungen über Pflanzen wie Ayahuasca oder Psilocybin an, was in manchen Regionen zu einer gewissen De-facto-Toleranz führt. Gleichzeitig fehlen dort die Ressourcen und die rechtlichen Rahmenbedingungen für klinische Forschung nach westlicher Medizin-Standard. In vielen afrikanischen und asiatischen Ländern bleiben die Kontrollen strikt, und es gibt kaum Initiativen zur wissenschaftlichen Untersuchung dieser Substanzen. Es besteht die wachsende Sorge, dass ein globaler wissenschaftlicher Durchbruch primär dem globalen Norden zugutekommen wird.
Aktivität der UN
Die UN-Organe reagieren abwartend. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spielt die entscheidende Rolle: Nur sie kann die formalen Schritte zur Neubewertung von Substanzen in den UN-Konventionen einleiten. Bisher hat die WHO jedoch lediglich Berichte und Faktenblätter veröffentlicht, die den Forschungsbedarf anerkennen, aber keine formelle Änderung der Klassifikation in die Anlage I vorgeschlagen. Der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB), die Wächterin der Konventionen, mahnt die Mitgliedstaaten kontinuierlich, dass die aktuellen Abkommen bindend bleiben und Abweichungen nur unter striktesten, eng gefassten Ausnahmen zulässig sind.

Die UNO-Drogenbehörde (UNODC) dokumentiert in ihren Berichten zwar die wachsende Zahl illegaler Psychedelika-Tourismus-Angebote (oft als "Retreats" oder "Rückzugsorte" getarnte illegale Konsummöglichkeiten, meist in Ländern mit schwacher Regulierung). Die Behörde verfügt jedoch über kein Mandat, die nationalen Gesetze zur Förderung medizinischer Nutzung zu harmonisieren. Es herrscht somit eine Pattsituation: Nationale Innovation und medizinischer Fortschritt treffen auf internationales Zögern.
Probleme und Lösungsansätze
Ethische Aspekte
Der zentrale Konflikt zwischen medizinischem Fortschritt und internationaler Rechtslage führt zu vielschichtigen Problemen, die dringend eine globale Koordination erfordern. Das größte ethische Dilemma ist der Gerechte Zugang zur Therapie, da die Behandlung einen personalintensiven therapeutischen Rahmen erfordert, was die Kosten extrem hoch treibt. Dies droht eine Zwei-Klassen-Medizin zu schaffen, in der nur wohlhabende Patient*innen in Ländern mit flexiblen Gesetzen Zugang zu dieser potenziell lebensrettenden Behandlung erhalten.
Flankiert wird dieses Problem durch die zunehmende Kommerzialisierung: Private Pharmaunternehmen versuchen, Patente auf die Synthese von Psilocybin oder auf die therapeutische Methode selbst anzumelden. Eine solche Patentierung behindert die akademische Forschung, da Lizenzgebühren anfallen. Zudem treiben Patente die Preise in die Höhe, was Patient*innen und Gesundheitssysteme im globalen Süden benachteiligt. Schließlich ignoriert die Patentierung das kulturelle Erbe indigener Völker, die diese Substanzen seit Jahrhunderten nutzen. Die Gefahr der Biopiraterie, also der Aneignung indigenen Wissens ohne faire Kompensation, ist real und erfordert einen sofortigen Schutzmechanismus.
Sicherheitsrisiken
Neben ethisch-ökonomischen Bedenken bestehen erhebliche Sicherheits- und Regulierungsprobleme. Die fehlende globale Einheitlichkeit fördert den Psychedelika-Tourismus – Menschen reisen in Länder mit weniger starken Regulierungen, um günstige Behandlungen - jedoch häufig ohne klinische Standards und ohne angemessene Nachsorge - zu erhalten. Dies erhöht das Risiko für psychische Spätfolgen (z. B. Flashbacks oder die Auslösung von Psychosen) und schadet dem Ruf der seriösen Forschung.
Darüber hinaus ist die Datenlage zu psychischen Spätfolgen nach der Therapie durch Langzeitstudien noch nicht ausreichend belegt - eine wissenschaftliche Lücke, die die Bedenken gegenüber einer schnellen Zulassung befeuert. Zudem herrscht ein starker Mangel an qualifizierten Therapeut*innen, da die Ausbildung für diese spezifische Form der Psychedelika-unterstützten Psychotherapie international nicht standardisiert ist. Die strenge UN-Klassifizierung erschwert ferner den legalen grenzüberschreitenden Austausch von Studienmaterial und resultiert in massiven bürokratischen Hürden und zeitlichen Verzögerungen bei der Genehmigung klinischer Versuche.
Vereinheitlichung der Regelungen
Angesichts dieser Herausforderungen wären klare Lösungsansätze auf globaler Ebene denkbar. Ein wichtiger erster Schritt könnte die sofortige Initiierung einer Neubewertung von Psilocybin und MDMA unter der Federführung der WHO gemäß den Mechanismen der UN-Drogenkonventionen sein. Ziel wäre die Empfehlung, die Substanzen aus der restriktivsten Anlage I in eine Kategorie zu verschieben, die ihren medizinischen Nutzen anerkennt.
Parallel dazu wäre es möglich, dass die UN-Mitgliedstaaten eine Resolution zur Etablierung einer harmonisierten, evidenzbasierten Regulierung für klinische Studien verabschieden. Diese Resolution könnte verbindliche Mindeststandards für die Ausbildung von Therapeut*innen und für klinische Settings festlegen, um die Patient*innensicherheit zu gewährleisten und den Psychedelika-Tourismus einzudämmen.
Schutz des kulturellen Erbes indigener Gemeinschaften
Des Weiteren wäre ein globaler Schutzmechanismus wünschenswert, der die Patentierung von natürlich vorkommenden Substanzen und traditionellem Wissen unterbindet und somit die Rechte indigener Gemeinschaften schützt. Dazu könnte die Ausarbeitung von Empfehlungen zur fairen Entschädigung indigener Gemeinschaften für ihr kulturelles Erbe gehören. Um den Gerechten Zugang zu gewährleisten und der Kommerzialisierung entgegenzuwirken, könnte die UN die Förderung öffentlicher Modelle für akademische Forschung und die Entwicklung von öffentlichen Therapie-Protokollen verstärken sowie die Mitgliedstaaten zur Erstattung dieser Behandlungen durch nationale Gesundheitssysteme anregen.
Hinweise zur Recherche
Um die Position Ihres Landes oder Ihrer Organisation fundiert zu erarbeiten, empfiehlt sich die Recherche aktueller Positionspapiere der Gesundheits- und Außenministerien zur psychischen Gesundheit und internationalen Drogenpolitik. Dazu gehört die Prüfung, ob Ihr Land bereits nationale Abweichungen oder Ausnahmen für Psilocybin oder MDMA z.B. in klinischen Studien zugelassen hat. Empfehlenswert ist auch die Analyse des Abstimmungsverhaltens in UN-Gremien wie der Generalversammlung oder der Kommission für Suchtstofffragen, um die Haltung zur WHO und zum INCB bezüglich Drogenkontrolle und mentaler Gesundheit zu verstehen.
Für die Debatte sind insbesondere drei Dokumente von zentraler Bedeutung:
- Die Convention on Psychotropic Substances (1971), da sie Psychedelika als rechtlichen Kern des Konflikts in die restriktivste Kategorie (Anlage I) einstuft.
- Der jüngste Jahresbericht des Internationalen Suchtstoffkontrollrats (INCB) dient als wichtiger Indikator für die derzeitige Haltung der UN-Kontrollorgane und deren Mahnung an die Mitgliedstaaten.
- Aktuelle WHO-Berichte oder Faktenblätter zur globalen mentalen Gesundheit oder zur Neubewertung von Psilocybin liefern die notwendige wissenschaftliche Evidenz für den Handlungsbedarf.
Glossar/Lexikon
Anlage I: Die strengste Kategorie zur Klassifizierung von Drogen in den UN-Drogenkonventionen. Sie enthält Substanzen, die als besonders gefährlich und ohne anerkannten medizinischen Nutzen gelten.
Ayahuasca: Ein traditionelles pflanzliches Gebräu, das von indigenen Bevölkerungen im Amazonasgebiet für spirituelle und heilende Zwecke genutzt wird. Es enthält den starken psychoaktiven Wirkstoff DMT und ist ein Beispiel für eine traditionelle Psychedelika-Nutzung.
Biopiraterie: Die unethische und unfaire Aneignung von Wissen und genetischen Ressourcen (z. B. Heilpflanzen, traditionelle Medizin) indigener Bevölkerungen durch Firmen oder Forscher aus Industrieländern, ohne dass die Gemeinschaften angemessen entschädigt werden.
Convention on Psychotropic Substances (1971): Abkommen der UN zur Kontrolle psychoaktiver synthetischer und halbsynthetischer Drogen. Psilocybin und LSD stehen in der Anlage I.
De-facto-Toleranz: Bezeichnet eine Situation, in der ein bestimmtes Verhalten (z. B. die traditionelle oder wissenschaftliche Nutzung bestimmter Substanzen) geduldet wird, obwohl es formal oder rechtlich nicht offiziell erlaubt ist. Es ist eine inoffizielle Duldung.
Flashbacks: Das Wiedererleben von Elementen einer früheren psychedelischen Erfahrung (optische, akustische oder emotionale Eindrücke) ohne erneute Drogensucht oder das Wiedererleben traumatischer Erlebnisse.
Gegenkultur: Eine gesellschaftliche Bewegung in den 1960er Jahren (v.a. Hippies), die sich gegen die vorherrschenden Normen stellte. Der freie Konsum von LSD wurde Teil dieser Bewegung, was maßgeblich zu dessen Verbot führte.
Gerechter Zugang: Das ethische Prinzip, dass alle Patient*innen unabhängig von ihrem sozioökonomischen Status oder ihrer Nationalität Zugang zu medizinisch notwendigen Therapien haben sollten.
Globaler Norden, Globaler Süden: Begriffe zur Beschreibung globaler Ungleichheiten: Der „Globale Norden“ bezeichnet meist wirtschaftlich entwickelte, industrialisierte Länder; der „Globale Süden“ umfasst überwiegend wirtschaftlich schwächere, sich entwickelnde Staaten.
Halluzinogene: Substanzen, die starke Veränderungen der Wahrnehmung und des Bewusstseins hervorrufen, z. B. LSD, Psilocybin (im Text gleichbedeutend mit Psychedelika).
Horizon Europe: Das wichtigste Forschungs- und Innovationsprogramm der Europäischen Union. Es stellt hohe Fördermittel bereit, unter anderem für klinische Studien zur medizinischen Nutzung von Psychedelika.
Indigene Bevölkerungen: Ursprüngliche Völker und Gemeinschaften, die in einem bestimmten Gebiet leben und dieses historisch besiedelt haben. Ihr traditionelles Wissen über Heilpflanzen (inkl. Psychedelika) ist für die moderne Forschung von großer Bedeutung.
Internationaler Suchtstoffkontrollrat (INCB): Ein unabhängiges UN-Gremium mit Sitz in Wien. Es überwachtdie Einhaltung der internationalen Drogenkontroll-Abkommen durch die Mitgliedstaaten und warnt bei Abweichungen. Es gilt als Wächterin der Konventionen.
LSD (Lysergsäurediethylamid): Eine der bekanntesten und stärksten psychedelischen Substanzen. Sie ist synthetisch hergestellt und steht in den UN-Konventionen in der restriktivsten Kategorie (Anlage I). Die Einnahme kann starke Angstzustände, Panikattacken ("Horrortrips"), die Auslösung von Psychosen bei vorbelasteten Personen und in seltenen Fällen langanhaltende Wahrnehmungsstörungen (Flashbacks) hervorrufen.
Magic Mushrooms: Umgangssprachlicher Begriff für bestimmte Pilzarten (z. B. Psilocybe), die den psychoaktiven Wirkstoff Psilocybin enthalten. Sie werden traditionell und zunehmend in der modernen Forschung zur Therapie von Depressionen genutzt. Die hohe Intensität der psychedelischen Erfahrung kann zu starker Angst und Verwirrung führen, wobei das Hauptrisiko in unkontrollierten Settings die Selbstgefährdung durch riskantes Verhalten während des veränderten Bewusstseinszustands ist.
MDMA (oft als „Ecstasy“ bekannt): Wird als atypisches Psychedelikum betrachtet, da es stärker Empathie und emotionale Offenheit fördert, anstatt reine Halluzinationen. Es wird vor allem zur Behandlung von Posttraumatische Belastungsstörungen erforscht. Die Substanz führt zu einem starken Anstieg der Körpertemperatur (Hyperthermie), was lebensbedrohlich sein kann, und birgt die Gefahr der Überhitzung und Dehydrierung. Zudem kann sie neurotoxische Effekte haben und zu temporären Stimmungstiefs und Erschöpfung nach dem Konsum führen.
Neuroplastizität: Die erstaunliche Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen, indem es neue Verbindungen zwischen Nervenzellen herstellt oder alte verändert. Psychedelika erhöhen diese Fähigkeit kurzzeitig, was helfen kann, festgefahrene negative Denkmuster aufzubrechen.
Posttraumatische Belastungsstörung: Eine psychische Störung, die nach traumatischen Erlebnissen auftritt.
Psilocybin: Wirkstoff in „Zauberpilzen“ mit stark psychedelischer Wirkung. Wird primär in Studien zur Behandlung von Depressionen und Angststörungen erprobt.
Psychedelika: Stoffe, die das Bewusstsein stark verändern und intensive, oft als spirituell empfundene, Erlebnisse auslösen. Sie werden auch Halluzinogene genannt und beeinflussen die Wahrnehmung, die Gefühle und das Denken.
Psychedelika-Tourismus: Das Reisen in Länder mit lockeren Gesetzen (oder De-facto-Toleranz), um dort Psychedelika zu konsumieren oder eine Therapie zu erhalten. Oft geschieht dies in unregulierten Settings ohne professionelle klinische Betreuung.
Psychosen: Schwere psychische Störungen, bei denen die Betroffenen den Kontakt zur Realität verlieren (z.B. durch Wahnvorstellungen oder Halluzinationen). Ein Risiko bei der unkontrollierten Einnahme von Psychedelika ist die mögliche Auslösung oder Verschlechterung einer solchen Störung.
Psilocybin: der Wirkstoff in Magic Mushrooms
Serotoninsystem: Ein zentraler Botenstoff-Kreislauf im Gehirn, der grundlegende Funktionen wie Stimmung, Schlaf und Appetit steuert. Psychedelika verändern diese Funktion temporär, indem sie an Serotonin-Rezeptoren andocken. Kritisch betrachtet birgt die Manipulation dieses Systems jedoch Risiken: Sie kann bei vorbelasteten Personen Psychosen auslösen und in unkontrollierten Situationen zu lebensgefährlichen Unfällen oder Selbstgefährdung führen. Zudem gilt das Serotonin-Syndrom (Überstimulation, oft durch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten verursacht) als medizinischer Notfall.
UNO-Drogenbehörde (UNODC): Die Organisation der UN, die für die Bekämpfung von Drogenkriminalität und Terrorismus zuständig ist. Sie sammelt Daten, erstellt Berichte (z. B. den World Drug Report) und unterstützt Staaten bei der Umsetzung der Drogenkontrollpolitik.
Westliche Medizin: Das in Europa und Nordamerika vorherrschende Gesundheitssystem, das auf wissenschaftlicher Forschung, Medikamenten und Operationen basiert. Sie hat die Psychedelika-Forschung in den 1960er Jahren gestoppt, nimmt sie aber nun wieder auf.
Zwei-Klassen-Medizin: Beschreibt die Gefahr, dass hochwirksame, aber teure Therapien (wie die Psychedelika-unterstützte Psychotherapie) nur für reiche Menschen zugänglich sind, während der Großteil der Bevölkerung leer ausgeht.
Wichtige Dokumente und Quellen
Zentrale Quellen
- WHO: Depression (Fact sheet), 2023: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression → Enthält aktuelle Zahlen zu Depressionen weltweit (~330 Mio.).
- UNODC: Convention on Psychotropic Substances, 1971: https://www.incb.org/incb/en/psychotropics/1971_convention.html → Legt internationale Kontrolle für psychotrope Substanzen fest, inkl. Psilocybin/LSD in Schedule I.
- TGA (Therapeutic Goods Administration, Australien): MDMA and psilocybin to be reclassified for therapeutic use, 2023: https://www.tga.gov.au/news/media-releases/change-classification-psilocybin-and-mdma-enable-prescribing-authorised-psychiatrists → Entscheidung zur Zulassung ab 1. Juli 2023.
- EU-Kommission: Horizon Europe funding on psychedelic therapies, 2024. ScienceBusiness-Artikel: https://sciencebusiness.net/news/drug-development/eu-launches-landmark-eu65m-study-use-psychedelics-treat-mental-disorders → Förderprogramm für klinische Studien zu psychedelischen Therapien.
- Der SPIEGEL (Youtube-Kanal): Magic Mushrooms: Können Pilze Depressionen heilen? (Video-Dokumentation, 2024). https://www.youtube.com/watch?v=pffeFfYD3AM → Anschaulicher Einstieg: Zeigt die wissenschaftliche Forschung und das therapeutische Setting in Deutschland. Ideal für einen schnellen inhaltlichen Überblick. (Deutsch)
Weitere nützliche Quellen
- INCB: Annual Report 2022: https://www.incb.org/ → Hinweise zu Einhaltung der Konventionen.
- UNODC: World Drug Report 2023: https://www.unodc.org/unodc/data-and-analysis/world-drug-report-2023.html → Überblick über weltweite Drogentrends, inkl. Psychedelika.
- UN Abstimmungsverhalten der Mitgliedsstaaten: https://digitallibrary.un.org/search?c=Voting+Data&cc=Voting+Data&ln=en